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Erfolgreich mit der Informationsflut umgehen: Multitasking ist trainierbar

von Helgo Bretschneider

Unter Multitasking versteht man die Fähigkeit eines Menschen, mehrere Tätigkeiten zur gleichen Zeit oder abwechselnd in kurzen Zeitabschnitten durchzuführen. Ein häufig genannte These ist ja: „Frauen sind mehr multitaskingfähig, weil sie mehrere Dinge gleichzeitig machen können, während Männer sich immer nur auf eine Sache konzentrieren können“. Das korrespondiert dann auch gern mit der Behauptung: „Männer denken auch immer nur an das eine…“. Ob hier die Wissenschaft helfen kann?

Ja, es gibt ein Multitaskingforschung. Torkel Klingberg, ein bekannter schwedischer Hirnforscher hat dieses Thema über mehrere Jahre untersucht. Und? Einen generellen  Unterschied in der Multitaskingfähigkeit von Männern und Frauen konnte er nicht beweisen! Fangen wir also nochmals von vorne an.

Jeder Mensch beobachtet im Alltag, dass manche Dinge auch in Kombination gut funktionieren. Sie können beispielsweise jemandem zuhören und gleichzeitig Blätter in einem Ordner abheften. Können Sie auch konzentriert telefonieren und gleichzeitig eine Unterlage suchen? In dieser Situation passiert es schon eher, dass die Konzentration mehr hier als dort ist. Das bedeutet, dass Sie entweder die Informationen des Gesprächs nicht vollständig mitbekommen oder die Unterlage nicht so schnell finden.

Beim Autofahren steigt die Unfallkurve auffällig an, wenn gleichzeitig ein Handy bedient wird, auch wenn die meisten Menschen das Gefühl haben, beides gleichzeitig gut leisten zu können. Noch schwieriger ist es im Fernsehen eine Nachrichtensendung zu sehen und gleichzeitig, wie bei einigen Sendern üblich, die Infobänder mit Börsenkursen etc. zu verarbeiten. Sehen können wir alles gleichzeitig, aber verarbeiten und später inhaltlich wiedergeben? Hier spüren wir schnell unsere Grenzen.

Es sind bestimmte Bereiche des Stirn- und Schläfenlappens, die im Wesentlichen das Arbeitsgedächtnis ausmachen. Kritisch wird es dort, wenn wir mehrere Dinge tun, die bei uns nicht als Routine hinterlegt sind. Ein erfahrener Autofahrer fährt zu etwa 70 % mit routinierten unbewussten Fähigkeiten. Viele Teilnehmer berichten auch von dem Phänomen morgens mit dem Auto ins Büro zu fahren und plötzlich wie in Trance anzukommen, ohne bewusst in diesem Augenblick damit zu rechnen. In dieser Routinesituation ist es vielleicht möglich, während der Fahrt noch nebenbei die CD-Sammlung im Auto zu sortieren. Ein Anfänger, der bei jedem Schaltvorgang noch bewusst nachdenken muss, könnte das auf keinen Fall.

Ich mache im Seminar gern folgendes Experiment: Ein Teilnehmer (A) soll mit zwei anderen Teilnehmern (B und C)  gleichzeitig diskutieren. Die Besonderheit? B und C haben unterschiedliche abstrakte Themen. A muss sich mit beiden Themen gleichzeitig auseinandersetzen und zeitnah auf Fragen antworten. Was glauben Sie, kommt dabei heraus? Die meisten Teilnehmer sind hoffnungslos verloren und werden schon nach kurzer Zeit nervös. Spannend ist, dass etwa jeder zehnte Teilnehmer, diese Aufgabe sehr gut schafft. Das sorgt für allgemeine Verblüffung, wenn es jemandem gelingt, zwei Themen in hoher Geschwindigkeit aufzunehmen, abzuspeichern, Schlüsse zu ziehen und auch noch Antworten zu geben.

Solche Experimente werden auch wissenschaftlich durchgeführt. Das Ergebnis: Wenn es sich nicht um Routinen, sondern um neue und abstrakte Argumente handelt, reduziert sich die Anzahl der gleichzeitig möglichen Faktoren auf zwei Informationen im Arbeitsgedächtnis. Das klingt nach sehr wenig, ist jedoch bereits eine Fähigkeit, die sehr wertvolle Multitaskingeigenschaften hat. Für die meisten gestressten Berufstätigen ist das ein lohnenswertes Ziel!

Unser Arbeitsgedächtnis ist den ganzen Tag im Einsatz. Von seiner Leistungsfähigkeit hängt es weitgehend ab, wie gut wir unseren Informationsalltag bewältigen können. In der Medizin und Wissenschaft weiß man heute, wie sehr die Fähigkeiten des Gehirns leiden, wenn es nicht genügend in Anspruch genommen wird. Deshalb stellt sich die Frage nach der Trainierbarkeit. Ist es möglich durch einfache Übungen, die Leistungsfähigkeit zu erhöhen? Wie sehen konkrete Übungen dazu aus? Wo liegen die Grenzen?

Wie kann man Multitasking konkret trainieren? Drei Schritte die Ihnen dabei helfen:

1. Schulen Sie Ihre Aufmerksamkeit


Aufmerksamkeitstraining ist der wahrscheinlich erfolgreichste Schlüssel für eine hohe Multitaskingfähigkeit. Unser Gehirn reagiert aufmerksam, wenn etwas Neues, Unbekanntes, Gefährliches bzw. Emotionales passiert. Das gehört zu den  Überlebensprogrammen der Höhlenmenschen, deren Gehirn wir heute noch weitgehend haben.

Wir leben in einer von Reizen überfluteten Welt. Eine Nachrichtensendung mit Bildern eines Flugzeugabsturzes erzeugt in ihrem Gehirn mehr Aufmerksamkeit, als ein langweiliges Manuskript, welches unbedingt bearbeitet werden muss. Die Folge: Für weniger spektakuläre Ereignisse ist unsere Aufmerksamkeit nicht mehr ausreichend vorhanden. Stellen Sie sich vor, Sie wären mit Ihrem Manuskript für drei Monate in einen Raum eingesperrt und hätten keine Alternativen. Die einzige Attraktion wäre Ihr Manuskript. Sie würden dann Ihre volle Aufmerksamkeit diesem Manuskript schenken, dankbar, dass Sie etwas zu tun haben…

Aufmerksamkeit lässt sich sehr gut trainieren! Mit einfachen Techniken, wie „autogenes Training“ oder der „progressiven Muskelentspannung nach Jacobsen“ haben Sie bereits die Möglichkeit, Ihre Aufmerksamkeit insgesamt zu verbessern.

Besonders empfehlen möchte ich Ihnen das Buch „The Open-Focus Brain“ von Dr. Les Fehmi. Als klinischer Psychologe und Forscher zeigt er, dass viele von uns in einem Aufmerksamkeitszustand mit engem Fokus feststecken: Die Aufmerksamkeit befindet sich in einem angespannten, eingeschränkten Überlebensmodus, der dazu führt, dass wir in einem chronischen Stresszustand leben. Wir können lernen wieder eine entspannte, diffuse und kreative Form der Aufmerksamkeit anzunehmen, die er als "offenen Fokus" bezeichnet. Einfache Übungen helfen, die Aufmerksamkeit in einen ruhigeren, offeneren Zustand zu lenken. Dies wiederum reduziert Stress, verbessert die Gesundheit und erhöht die Leistungsfähigkeit. Mithilfe einer Audio-CD führt Dr. Fehmi durch grundlegende Open-Focus-Übungen, die regelmäßig angewendet werden können.

Die folgende Übung können Sie sofort ausprobieren: Schließen Sie die Augen und stellen Sie sich den Raum zwischen Ihren Ohren vor!

Haben Sie es probiert? Was ist passiert? Die meisten Menschen geraten bereits mit dieser einfachen Übung in einen ruhigeren und aufmerksameren Zustand. Warum? Da bei dem Raum zwischen Ihren Ohren um eine abstrakte, objektlose Vorstellung handelt, reagiert das Gehirn mit den entspannend und aufmerksam wirkenden Alpha-Wellen.
 
2. Nutzen Sie jede Trainingsmöglichkeit für Multitaskingsituationen

Es gibt viele Situationen im Alltag, Ihre Multitaskingfähigkeiten sinnvoll zu trainieren. Sehr wichtig ist, dies vor allem in entspannten Situationen zu machen. Stellen Sie Ihr Gehirn regelmäßig vor die Aufgabe, sich gleichzeitig mit unterschiedlichen Informationen bzw. Aufgaben zu beschäftigen.

Interessant sind in diesem Zusammenhang die Ergebnisse der „Einstein Aging Study“. Über 400 Rentner wurden fünf Jahre intensiv begleitet, um den Einfluss ihrer täglichen Beschäftigung auf die geistigen Fähigkeiten herauszufinden. Dabei wurden auch Faktoren wie Gesundheitszustand, Ausbildungsgrad etc. berücksichtigt.

Die Ergebnisse sind spannend. Die Multitaskingfähigkeiten wurden durch Tätigkeiten wie Schach, Tanzen, Musizieren oder Lesen verbessert und das Demenzrisiko im gleichen Maße vermindert. Vorraussetzung: Die Tätigkeit musste mehrfach in einer Woche ausgeübt werden. Ein Schachspiel pro Woche reichte nicht aus. Bei sehr geistig aktiven Leuten sank das Demenzrisiko bis auf die Hälfte!

Schach hat sich als Tätigkeit mit größtem Trainingseffekt herausgestellt. Was braucht der Schachspieler besonders? Ja, wir sind wieder beim Thema Arbeitsgedächtnis und kontrollierte Aufmerksamkeit.

Hier zeigt sich auch, warum Kreuzworträtsel kaum einen Effekt beim Training der kognitiven Fähigkeiten hat. Um sich an bestimmte Begriffe zu erinnern und diese dann in Kästchen einzutragen braucht es mehr die Assoziationen in das Langzeitgedächtnis. Positiv hingegen ist  Sodoku, wo mehrere Parameter gleichzeitig berücksichtigt werden müssen, was unser Arbeitsgedächtnis sehr fordert. Interessant ist auch der Vergleich mit rein körperlichen Tätigkeiten wie Walking, Radfahren, schwimmen oder Golf. Hier zeigte sich keinerlei Effekt auf die geistige Fitness.

Übrigens: Computerspiele, Play-Station, Nintendo usw. sind hervorragende Trainer für Multitasking. Eltern hören es nicht gern und sicherlich wird dieses Thema zu recht kontrovers diskutiert. Doch mit den passenden Spielen und im richtigen Maß sind diese Geräte eine optimale und vor allem auch nachgewiesene Möglichkeit, Multitasking zu trainieren.

Es hat sich allerdings auch gezeigt, dass ein Multitasking-Trainingseffekt nur dann signifikant auftritt, wenn bis ans Limit der Fähigkeiten trainiert wird. Eine halbe Stunde täglich, an fünf Tagen in der Woche und mindestens über fünf Wochen. Vielleicht ist Ihre spontane Reaktion, dass sie soviel Zeit und Energie nicht aufbringen können. Es würde mich sehr wundern, wenn die Struktur Ihres Berufes nicht bereits die optimalen Trainingsbedingungen liefert. Die Frage ist, wie bewerten und erleben Sie die Informationen. Als Bedrohung oder als Herausforderung?

3. Bewerten Sie Multitasking als Herausforderung

Das wichtigste zum Schluss: Ihre Einstellung ist entscheidend! Die tägliche Informationsflut ist wie das Regenwetter, man kann sich darüber ärgern, sich hilflos ausgeliefert fühlen oder überlegen, wie man sinnvoll damit umgeht. Es gibt Regenschirme, Regenjacken oder andere Möglichkeiten, nicht nass zu werden. Ebenso bei der Informationsflut: Wenn wieder einmal alles gleichzeitig auf Sie einstürmt, wissen Sie, dass Sie mit einem besseren Trainingszustand solche Situationen meistern können. Nutzen Sie die Möglichkeiten von Multitasking als ein zusätzliches Werkzeug, um jeden Tag ein wenig erfolgreicher mit der Informationsflut umzugehen.


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