von Boris Grundl
Der kraftvollste Zustand in der Kommunikation ist die Präsenz: Im Hier und Jetzt sein. Präsenz ist ein aufmerksames Beobachten, ein Gewahrsein, das völlig frei ist von Motiven oder Wünschen. Es ist ein Wahrnehmen ohne jegliches Bewerten.
Konzentration und Achtsamkeit sind die wichtigsten Geisteszustände für bessere Arbeitsergebnisse. Achtsamkeit führt zur Präsenz und lässt Sie die entscheidenden Punkte wahrnehmen und auswählen. Konzentration hilft Ihnen bei deren Umsetzung und bringt die PS auf die Strasse.
Achtsamkeit und Präsenz
Kennen Sie das? Morgens im Bad hört man schon mal die neusten Nachrichten, beim Tempo-Frühstück wird die Zeitung quer gelesen, während der Fahrt zum Büro werden die ersten Telefonate geführt, in der Firma erwartet einen das übliche Hamsterrad. In der Mittagspause isst man – wenn überhaupt – „schnell“ mit Kollegen. Am Nachmittag geht es weiter mit Arbeit und Termindruck. Zu Hause verspätet angekommen, wartet die Familie oder man landet – zum Abschalten – vor dem Fernseher. Kurz vorm Schlafengehen werden noch die letzten Mails gecheckt. Dieses gewaltige Routine-Programm schaffen wir mit Hilfe unseres „mentalen Autopiloten“.Routineaufgaben werden durch automatisierte Gewohnheiten erledigt – ökonomisch, effektiv, zeitsparend.
Der Autopilot lässt uns funktionieren. Er lässt uns die Dinge richtig tun. Aber lässt er uns auch die richtigen Dinge tun?
Wer sein Leben überwiegend im Modus des Autopiloten verbringt, verpasst das Leben. Er funktioniert zwar, aber er wird gelebt. Das Leben besteht nur noch aus einer endlosen „To-do-Liste“, die immer nachwächst wie eine Warze. Sie nehmen die Dinge des Lebens wahr und reagieren sofort darauf. Sie bewerten und ordnen ein, damit ein Haken drangemacht werden kann. Sie treten morgens aus der Haustür, Ihr Blick geht zum Auto und Sie denken: „Der Wagen muss mal wieder gewaschen werden.“
„Achtsamkeit“ ist ein anderer mentaler Zustand, der uns zur Verfügung steht.
Praktisch ist „Achtsamkeit“ das Abschalten des eigenen Autopiloten durch eine andere Form der Wahrnehmung. Der Autopilot bedeutet bewerten und reagieren. Achtsamkeit bedeutet präsent sein und vorurteilsfrei wahrnehmen.
Der Autopilot möchte die Dinge richtig tun. Achtsamkeit befähigt uns die richtigen Dinge zu tun.
Im Zustand der „Achtsamkeit“ fällt Ihr Blick morgens vielleicht auch auf das Auto. Doch Sie nehmen das Auto, den Parkplatz und den Garten wahr. Sie spüren den Wind auf Ihrer Haut. Sie sehen das Gras im Garten und den Raureif auf den Halmen. Sie „riechen“ die frische Kälte des Winters, hören wie der Nachbar das Eis von der Windschutzscheibe kratzt und Sie denken: „Ich fahre heute ruhig und besonnen. Es könnte glatt sein.“
Keiner dieser beiden mentalen Zustände ist besser oder schlechter. Beide sind wichtig. Der Autopilot ist sehr nützlich, wenn man ihn bewusst an- und abschalten kann. Sie sollten die Wahl haben: Nicht nur reagieren, sondern auch agieren. Die Kenntnis der Achtsamkeit hilft automatische, unbewusste Gedanken- und Gefühlsabläufe zu unterbrechen. Das kann Ihnen helfen, eingeschliffene Verhaltensreaktionen auf äußere Reize und innere Gefühle zu regulieren. Das ist vor allem bei allen Formen der Kommunikation entscheidend. Wir wissen es längst und haben es tausendmal gehört: „Du musst den anderen dort abholen, wo er ist.“ Doch können und wollen wir das auch? Um den anderen dort abzuholen, wo er ist, muss ich mich erst einmal dafür interessieren und erkennen, wo er ist. Wo ich bin und hin will ist erst im zweiten Schritt wichtig. Keine Sorge, Sie kommen schon rechtzeitig an die Reihe. Aber zuerst ist der andere dran. Also muss ich mich und meine Motive erst einmal vergessen und mich wirklich dafür interessieren, wo sich der andere befindet. Es ist eine große Kunst den anderen dort abzuholen wo er ist!
Das wirkungsvollste Werkzeug, um sich über die Achtsamkeit in die Präsenz zu holen ist, sich selbst beim Zuhören wahrzunehmen. Sobald Sie merken, dass Sie mit Ihren Gedanken abschweifen oder das Gesagte bewerten, holen Sie sich zurück, indem Sie zu sich sagen: „Interessant!“
Je intensiver Sie das üben, desto wacher werden Sie, und Ihre mentale Präsenz wird zunehmen. Sie werden andere Menschen und damit das Leben immer besser verstehen lernen. Das heißt nicht, dass Sie mit allem einverstanden sein müssen. Lernen Sie zu verstehen, ohne einverstanden zu sein. Je mehr sich Menschen von Ihnen verstanden fühlen, desto mehr werden sie Ihnen die Erlaubnis geben, sie zu entwickeln. Ihnen wird immer bewusster werden, welche hinderlichen Motive einer wirkungsvollen Kommunikation im Wege stehen.
Diese sind: Gut dastehen wollen oder vermeiden schlecht dazustehen, Recht zu haben oder andere ins Unrecht zu setzen. Ihre immer stärker werdende Präsenz wird anderen helfen, sich nicht von ihren eigenen Eitelkeiten blenden zu lassen.
Fragen Sie sich in Zukunft immer wieder: Wie kann ich dafür sorgen, dass die erwähnten Motive keinen Raum bekommen, damit ich mich darauf konzentrieren kann, was hilfreich ist?
Ihr Boris Grundl
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