Die heutige Informationsflut kam ja nicht von „heute auf morgen“ und auch nicht innerhalb eines Jahres. Eher kann man von einem Zeitraum der letzten 25 Jahre sprechen, in dem wir uns langsam und kontinuierlich daran gewöhnt haben.
Es ist wie das Phänomen, Veränderungen an Personen, die man jeden Tag sieht, kaum wahrzunehmen. Treffen sie hingegen einen alten Schulfreund nach Jahren wieder, wird sofort bewusst wie drastisch sich beispielsweise das Aussehen verändert hat. Unser Gehirn neigt dazu, Dinge, die jeden Tag um uns herum geschehen, schon nach kurzer Zeit als „normal“ zu bewerten. Auch extreme Ereignisse verlieren den Schrecken, wenn Sie jeden Tag passieren. Es gibt beeindruckende Berichte von Soldaten, die selbst den extremen Kriegseinsatz irgendwann nur noch als tägliche Routine empfunden haben. Was aber nicht bedeutet, dass der „normale Wahnsinn“ auch körperlich - geistig ohne gesundheitliche Schäden zu schaffen ist. Es ist eben ein Überlebensmodul unseres Gehirns sich mental auf solche Zustände einzurichten. Was vor 10.000 Jahren nützlich war, wenn es um die kurzfristige Bewältigung einer extremen Situation ging, führt heute zur permanenten Belastung und irgendwann zur Erkrankung.
Es gibt bisher zu wenige Vergleichs- bzw. Erfahrungswerte zu den Auswirkungen der täglichen Reizüberflutung, weil das Phänomen relativ neu ist. Zwar gibt es genügend allgemeine Parameter, wie Menschen auf Belastung und Überlastung reagieren, doch spezifische Beobachtungen zur Wirkung der medialen Reizüberflutung sind eher eine neue Disziplin. Das Thema ist auch sehr schwer zu erfassen, da verschiedene Einflussfaktoren übergreifende Auswirkungen haben. Wer heute im Beruf unter Informationsflut leidet, hat vielleicht gleichzeitig den hohen Erfolgsdruck eines aktiennotierten Unternehmens, fühlt sich nach Jahren der Umstrukturierung nicht mehr ganz zugehörig, erlebt einen gesellschaftlichen Wandel mit veränderten Werten usw. All diese Faktoren schaffen eher Unsicherheit. Man darf beispielsweise nicht unberücksichtigt lassen, dass sich Werte im Bereich Familie und Spiritualität in den letzen 50 Jahren ebenfalls stark verändert haben, was insgesamt mehr Unsicherheit für das Lebensmodell des Einzelnen bedeutet.
Es klingt unbequem aber auch hoffnungsvoll, dass ein großer Teil der täglichen Informationsflut durch die eigene Fähigkeiten, Einstellungen und Verhaltensweisen beeinflusst wird. Schon sehr kleine Veränderungen können eine große positive Wirkung haben. Manchmal braucht es jedoch Mut und Selbstvertrauen, um gewünschte Veränderungen durchzusetzen. Wichtig ist es, im ersten Schritt die Situation etwas genauer zu betrachten. Dazu sollte man beispielsweise herausfinden, ob Reizüberflutung „hausgemacht“ ist, oder ob eher andere Personen einen Einfluss darauf haben. Die Standarderklärung: „In unserem Unternehmen ist das halt so“ ist zwar einfach, aber meistens unrichtig. In meinen Seminaren erlebe ich, dass bereits innerhalb einer Abteilung Mitarbeiter zu unterschiedlich guten Lösungen kommen, um den Stress und die Datenflut in den Griff zu bekommen.
Hier unterscheide ich die Optimierung der eigenen Fähigkeiten von der Stärkung einer gesunden Einstellung sowie den Gewohnheiten.
Es sind eher einfache Lösungsansätze, die Fähigkeiten im Umgang mit Informationen zu schulen. Gedächtnis- und Lesetechniken sind dabei großartige Helfer in der Datenflut. Wer seine Lesegeschwindigkeit (bei gleichem Textverständnis) um 50 % erhöht, hat (bei üblichen zwei Stunden Lesezeit am Tag) bereits einen ganzen Arbeitsmonat mehr zeitlichen Spielraum. Diese Möglichkeiten sind gigantisch!
Ein großer Teil der Informationsflut-Probleme lässt sich jedoch nur durch klare und mutige Entscheidungen lösen. Das ist vom Prinzip sehr einfach, erfordert jedoch ein konsequentes und selbst bestimmtes Handeln. Die Ich-Lösungen liegen häufig außerhalb der Erwartungen unserer Umwelt in Beruf und Familie. Es kann aber auch sein, dass die Erwartungen an die eigene Person höher sind, als die Erwartungen, die tatsächlich von außerhalb kommen. Das Verändern von Einstellungen und Gewohnheiten, so wie das Umsetzen neuer Verhaltensweisen gehört zu den großen Herausforderungen für Menschen. Interessant ist, dass häufig erst nach einem Herzinfarkt oder Burnout die Bereitschaft entsteht, ernsthaft an der eigenen Situation etwas zu verändern.
Nehmen wir das Thema der ständigen Erreichbarkeit als Beispiel. Für viele meine Teilnehmer ist es heute bereits normal, andauernd erreichbar zu sein. Das bedeutet in der beruflichen Praxis, auch nach der eigentlichen Arbeitszeit, am Wochenende sowie im Urlaub ständig als Ansprechpartner zur Verfügung zu stehen. Eine Dauerbelastung vor der die Arbeitsmedizin schon seit Jahren eindringlich warnt.
Nun ist es ja technisch gesehen sehr einfach, diesen Zustand der Erreichbarkeit zu umgehen. Niemand kann es verhindern, wenn ich mein Smartphone bzw. Blackberry ausschalte. Es ist eine ganz persönliche Entscheidung, sich von dieser Technik für gewisse Zeiträume nicht stören oder einschränken zu lassen. Ein Freiraum, den wie man heute sicher sagen kann, jeder Mensch dringend benötigt, um auf Dauer gesund zu bleiben. Doch warum geschieht es dann nicht? Die Begründungen klingen oftmals ähnlich und die Grundmotivation lässt sich in wenige Kategorien einteilen.
Ein sehr häufiger Grund für den täglichen Informationsstress ist die Angst NEIN zu sagen. Viele Menschen fühlen sich zwar von der ständigen Erreichbarkeit, den vielen E-Mails und sonstigen Reizüberflutungen spürbar belastet. Doch die Angst Erwartungen nicht zu erfüllen, nicht befördert zu werden, im schlimmsten Fall sogar den Arbeitsplatz zu verlieren, führen dazu, gegen diesen inneren Impuls zu handeln.
Auch häufiger genannt wird die eigene „Wichtigkeit“, weil es ohne die eigene Person im Unternehmen scheinbar nicht weitergehen kann. Andere Gründe sind etwa die „Neugierde“ etwas Neues zu erfahren oder einfach die „Gewohnheit“.
Heimtückisch an Stresssituationen, wie beispielsweise der ständigen Erreichbarkeit, ist, dass Körper und Geist die Symptome einer Überanstrengung lange ignorieren können. Es scheint so, als könnten wir die ständige Überlastung ohne Schaden aushalten. Nach ersten Warnzeichen wie Verspannungen, Schlafstörungen, Konzentrationsmangel etc. kommt es irgendwann vielleicht zu starken Erschöpfungen, Bluthochdruck usw. bis es dann eines Tages „unerwartet“ zum mittelfristigen oder endgültigen Ausfall kommt.
Alle Lösungen, die im eigenen Einflussbereich liegen, sollte man deshalb rechtzeitig herausfinden und auch umsetzen. Die mobile Erreichbarkeit ist nur ein Beispiel für die typische Reizüberflutung, in der wir uns täglich befinden. Hilfreich ist hier etwa die Frage, was die schlimmsten denkbaren Folgen sind, wenn man für eine bestimmte Zeit nicht erreichbar ist. Das spannende Ergebnis: Die Konsequenzen sind meistens weniger schlimm, als wir zunächst fühlen. Es sich lohnt sich deshalb, diesen Versuch zu wagen und möglichst viele Situationen der Reizüberflutung zu hinterfragen.
Beziehungs-Lösungen
Oftmals wenn Teilnehmer eine extreme Informationsflut erleben, lässt sich das Problem auf wenige Kollegen, Chefs oder Mitarbeiter eingrenzen. Letztens hatte ich eine Assistentin im Seminar, die klagte, dass sie viele ihrer Arbeiten nicht in der zur Verfügung stehenden Zeit schaffen würde, was zu permanentem Stress führt. Auf der Suche nach Ursachen kam u.a. heraus, dass sie permanent mit Anrufen von Kollegen beschäftigt war, die nach einem Termin bei ihrem Chef nachfragten. Dabei konnte Sie nur auf das elektronische Terminsystem verweisen, indem sich die Mitarbeiter selbst einen der wenigen freien Termine eintragen konnten. Wieso also die Anrufe? Der Chef, warum auch immer, gab jedem Mitarbeiter den Tipp, es bei Terminschwierigkeiten vielleicht doch noch mal über seine Assistentin zu versuchen… Hier liegt die optimale Lösung auf der Hand. Die Teilnehmerin war letztlich auch davon überzeugt, diesen Punkt mit ihrem Chef eindeutig klären zu müssen. Ihre Begründung, dadurch die notwendigen Arbeiten besser erledigen zu können, zudem einleuchtend.
Viele Probleme der Informationsflut vermindern sich spürbar, wenn einzelne Leute im Arbeitsumfeld ihr Verhalten ändern. Ein typisches Beispiel sind beispielsweise die ständigen Störungen, weil jemand „mal eben“ eine Frage hat. Kommunikation ist wichtig und wünschenswert, Rücksichtnahme auf die Konzentrationsfähigkeit des Gegenübers aber auch. Abhilfe schafft etwa eine interne Vereinbarung zu bestimmten Zeiten ungestört arbeiten zu können.
System-Lösungen
Längst nicht jedes Datenflutproblem ist, wie oben beschrieben, allein aus der Struktur eines Unternehmens erklärbar. Auch wenn diese Begründung sehr häufig genannt wird.
Dennoch kann es vorkommen, dass in einem System das Umsetzen von Ich-Lösungen und Beziehungs-Lösungen nicht weiterhilft. Was dann? Angenommen der gesunde Menschenverstand sagt einem deutlich, dass Stress und Reizüberflutung in einer solchen Struktur auf Dauer die Gesundheit ernsthaft gefährden. Hier braucht es mit Sicherheit eine sehr klare Entscheidung.
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