Zukunftsfähige Geschäftsmodelle, neue Produkte und innovative Prozesse – das brauchen Unternehmen, um langfristig erfolgreich zu sein. Deshalb sollten Manager die Suche nach neuen Lösungen, die das Etikett Innovation verdienen, in ihrer Organisation fördern.
Querdenken – das können viele Manager nicht. Doch genau diese Fähigkeit brauchen sie heute. Denn immer häufiger verlangt der Markt von ihnen, dass sie neue Geschäftsmodelle und Produkte entwerfen, innovative Prozesse gestalten und Strategien für Situationen entwickeln, für die es keine Standardlösungen gibt. Statt Regeln zu folgen, sollen sie Regeln brechen. Statt den Status quo zu verwalten, ihre Unternehmen in Brutstätten genialer Ideen verwandeln.
Die Disziplin, die dahintersteht, Corporate Creativity – also die Fähigkeit von Unternehmen, neue Ideen zu entwickeln – wird in Europa erst allmählich als Lehrgebiet entdeckt. Anders ist dies in den USA. Dort beschäftigen sich Management-Vordenker schon lange mit diesem Themenfeld. „Denn Unternehmen sind zukunftsfähiger, wenn sie in ihrer Organisation eine Kultur der Kreativität etablieren“, betont zum Beispiel Teresa Amabile. Sie forscht seit 25 Jahren an der Harvard-Universität zu diesem Thema.
Kreative Prozesse lassen sich lenken wie alle Prozesse. Sie müssen nur anders gesteuert werden. Dabei sind vier Schritte wesentlich.
Schritt 1: „Magische“ Visionen entwickeln
Unternehmensziele werden häufig abstrakt, in „Managementsprache“ verfasst. Deshalb begeistern sie nicht. Ihnen fehlt der Zauber, der Begeisterung auslöst.
Testen Sie selbst: Wie sehr fasziniert Sie das Ziel, eine Eigenkapitalrendite von x Prozent zu erwirtschaften? Geben Sie hierfür wirklich alles? So viel wie der Wahlkampfmanager James Carville, der 1992 dem damals noch jungen Politiker Clinton versprach: „Sie zahlen für meinen Kopf. Mein Herz erhalten Sie kostenlos dazu.“
Schritt 2: Kleine Einsteins suchen
Die Einladung klang verlockend: Kluge Köpfe gesucht. Mit diesen Worten lud ein DSL-Anbieter seine Mitarbeiter zu einem Experiment ein. Zwei, drei Dutzend von ihnen sollten einen Thinktank bilden und Produkte von morgen vordenken. Zuvor mussten die Mitarbeiter jedoch ein Bewerbungsschreiben verfassen – mit ersten Ideen. Denn es sollten nur 100 Prozent motivierte Mitarbeiter im Team sein – aus allen Unternehmensbereichen.
Die Bewerbungen überraschten das Management. Denn das, was die Mitarbeiter motivierte und aus ihrer Warte dazu befähigte, am Entwickeln neuer Ideen mitzuwirken, stand in keiner Personalakte – zum Beispiel: ihr Freizeit-engagement beim lokalen Radio, ihre Mitarbeit bei einem Entwicklerforum für Open Source Software, ihre Begeisterung für neue interaktive Videoinhalte. Wofür begeistern sich Ihre Mitarbeiter? Welches Know-how liegt in ihren Köpfen brach?
Teresa Amabile hat ein Modell entwickelt, wie Kreativität entsteht. Kreativität erfordert kreative Denktechniken, die das vorhandene Wissen neu vernetzen. Doch das allein genügt nicht. Denn wo kein Wissen ist, lässt sich auch nichts vernetzen. Wissen ist also die zweite Komponente – und zwar Wissen aus den verschiedensten (Fach-)Gebieten. Die dritte Komponente ist Motivation: Ein Team von hochmotivierten Mitarbeitern erreicht mehr als jedes pflichtgemäß durchgeführte Innovationsprogramm.
Schritt 3: Schwarze Löcher stopfen
Bei vielen Projekten sagen die Fachleute irgendwann: „Das geht nicht.“ Wirklich nicht? Bei einem Maschinenbauer versuchten die Ingenieure drei Jahre lang, eine deutlich preiswertere Variante einer Maschine zu entwickeln, und kamen zum Ergebnis: „technisch nicht machbar.“ Daraufhin erteilte das Management einer externen Firma denselben Auftrag. Drei Monate später war das Gerät marktreif. Wie konnte es dazu kommen? Das Management hatte die Problematik der schwarzen Löcher im Know-how des Unternehmens unterschätzt. Seine Ingenieure dachten: Wir wissen alles, was zum Entwickeln der Maschine notwendig ist. Sie übersahen dummerweise, dass sie nicht wussten, was sie nicht wussten. Also konnten sie auch nicht bemerken, was sie hätten wissen müssen, um die Innovation voranzubringen.
Solche schwarzen Löcher verhindern in Unternehmen täglich neue Ideen, ohne dass es jemand merkt. Statt dessen sind sich die Experten einig: „Das geht nicht.“
Schritt 4: Raus aus dem Hamsterrad
„Streichen Sie 20 Prozent Ihrer Projekte.“ Hierzu fordert ein Softwarekonzern seine Mitarbeiter regelmäßig auf. Warum? Seine Mitarbeiter sollen wieder Freiräume – für kreatives Denken – haben.
Dahinter steckt die Erkenntnis: Vieles von dem, was wir irgendwann entschieden haben, ist heute schon wieder überholt. Es verursacht nur überflüssige Mehrarbeit. Und: Mitarbeiter, die in Arbeit versinken, sind nicht kreativ. Sie greifen meist zu den gewohnten und am schnellsten verfügbaren Lösungen – selbst wenn andere sinnvoller wären. Die Folge: Das Unternehmen entwickelt sich nicht weiter.
Dringend nötig: Neues Denken auf der Chefebene
Management strebt in der Regel nach Effizienz. Beim Optimieren von Abläufen ist dies goldrichtig; bei kreativen Prozesse nur bedingt. Mitarbeiter, die kreativ sein sollen, brauchen Freiräume – Freiräume, um Dinge neu zu durchdenken und auszuprobieren. Sie dürfen nicht unter dem permanenten Erfolgsdruck stehen: Was haben Sie in den letzten Stunden Produktives geleistet?
Vergleichen Sie die Suche nach neuen Ideen und Lösungen mit dem Angeln: Wenn Sie jede Woche vier Stunden angeln gehen, ist die Chance, einen dicken Fisch zu fangen größer, als wenn Sie nie oder nur sporadisch die Angel auswerfen. Werfen Sie Ihre Angeln für neue Ideen aus!
Zum Autor:
Jens-Uwe Meyer ist Geschäftsführer der Ideeologen – Gesellschaft für neue Ideen GmbH, Baden-Baden. Der Autor des Buchs „Das Edison-Prinzip: Der genial einfache Weg zu erfolgreichen Ideen“ hat an der Handelshochschule Leipzig den ersten Lehrauftrag in Deutschland für „Corporate Creativity“