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Foto: Jens-Uwe Meyer Rednerprofil
 

Gute Ideen fallen nicht vom Himmel – fünf Irrtümer über Kreativität

Kreativ ist man oder nicht. So lautet ein weit verbreiteter Irrtum. Ein weiterer: Entweder man hat einen Geistesblitz oder nicht. Doch der Erfinder Thomas Edison bewies: Die meisten revolutionären Ideen sind keine Zufallsprodukte. Sie sind das Resultat einer systematischen Suche nach neuen Lösungen.

Welche Worte fallen Ihnen ein, wenn Sie an „Kreativität“ denken? Vermutlich: Brainstorming, Genie und frei assoziieren. Wenn ja, dann saßen Sie den klassischen Klischees über Kreativität auf.


Irrtum 1: Kreativität ist Brainstorming

Was tun Unternehmen zumeist, um neue Ideen zu entwickeln? Eine Gruppe von Mitarbeitern trifft sich zum Brainstorming und formuliert zunächst ein Ziel. Dann äußern die Anwesenden Vorschläge zum Lösen der Aufgabe oder des Problems – und zwar so lange bis stapelweise Flipchart-Papier beschrieben ist. Danach lehnen sie sich stolz zurück und betrachten ihr Werk. Fest überzeugt: Wir haben die Lösung gefunden. Die Realität sieht leider anders aus: Im Nachhinein erweisen sich die so gesammelten Ideen meist als unbrauchbar.

Brainstorming ist mehr ein Heilsversprechen, als eine Kreativmethode. Und weil Menschen gerne an Heilsversprechen glauben, hat sich das Brainstorming zum Standardverfahren beim Entwickeln neuer Ideen durchgesetzt. Dabei wäre zum Entwickeln wirklich neuer Lösungen ein ganz anderer Ansatz nötig: nämlich ein systematisches Betrachten des Problems von ganz unterschiedlichen Seiten; des Weiteren eine Arbeitsweise, die aus den Ideen auch brauchbare Lösungen generiert.


Irrtum 2: Nur Kreative sind kreativ.

Viele Menschen denken: Kreativ ist man oder nicht. Das stimmt so nicht, betonen Hirnforscher wie Gerhard Roth. Zwar seien manche Menschen kreativer als andere veranlagt. Das allein mache sie aber noch nicht kreativ. Im Gegenteil! Gerade wenig kreativ veranlagte Menschen seien oft hochkreativ. Wie ist dieser Widerspruch erklärbar?

Neue wissenschaftliche Untersuchungen, zum Beispiel von der Harvard-Professorin Teresa Amabile, zeigen: Kreativität ist weitgehend das Resultat eines bestimmten Verhaltens. Kreativ ist also, wer kreativ handelt. Eine Eigenschaft von wirklich kreativen Menschen ist laut Amabile: Sie verknüpfen Wissen aus unterschiedlichen Bereichen so, dass neue Lösungen entstehen. Das setzt voraus, dass das erforderliche (Fach-)Wissen vorhanden ist – denn wo nichts ist, kann man auch nichts verknüpfen.

Ein Beispiel: Was macht die Suchmaschine Google so erfolgreich? Das so genannte „Page Ranking“. Denn mit ihm werden aus den Flut von Infos im Internet, die wichtigsten heraus gefiltert. Wie kam der Google-Gründer Larry Page auf diese Idee? Durch eine Anleihe aus der Wissenschaft. Dort gilt eine häufig zitierte Veröffentlichung als besonders wertvoll. Daraus leitete Page die These ab: Der Wert einer Webseite steigt mit der Zahl der Links, die auf sie führen. Die Grundidee von Google war geboren. Sie bestand darin, ein bekanntes Produkt (Suchmaschine) mit einem wissenschaftlichen Prinzip zu kombinieren.

Ein weiteres Merkmal kreativer Menschen ist: Sie sind hochmotiviert. Sie sind versessen darauf, die Lösung für ein erkanntes Problem zu finden. Und auch nach mehreren Fehlversuchen bleiben sie am Ball. Eine hohe Motivation kann teilweise fehlendes Wissen und einen Mangel an kreativen Fähigkeiten kompensieren, lautet ein Ergebnis der Forschungen von Amabile.


Irrtum 3: Kreativtechniken machen kreativ

„Welche Kreativtechnik macht mich kreativ?“ Diese Frage wird oft gestellt. Die Antwort: Keine! Das Wort Kreativ-„Technik“ nährt in uns die Illusion, durch die Wahl der richtigen Technik würden wir kreativ. Doch Kreativtechniken helfen uns nur, unsere Gedanken zu strukturieren und diese so zu kombinieren, dass Neues entsteht.

Die Voraussetzungen für Kreativität trägt jeder Mensch in sich. Stellen Sie sich einmal all das, was Sie bisher gesehen, erlebt und getan haben, als eine Sammlung von Puzzle-Teilen vor. Nehmen wir zudem an, Sie waren frü-her Verkäufer. Danach arbeiteten Sie als Surflehrer und anschließend wurden Sie Programmierer. Dann wären Sie der ideale Mann oder die ideale Frau, um Computerprogramme zu entwickeln, deren Nutzerfreundlichkeit unschlagbar ist. Warum? Als Ex-Verkäufer wissen Sie, was Kunden wichtig ist. Als Tauchlehrer haben Sie gelernt, Menschen die Angst vor Neuem zu nehmen. Und als Programmier wissen Sie, was IT-technisch möglich ist.


Irrtum 4: Kreativität bedeutet, frei herumspinnen

„Lassen Sie uns ganz frei nach neuen Ideen suchen.“ Diese Aufforderung führt meist geradewegs in eine Kreativblockade. Warum? Kreativ sein bedeutet, Wissen neu zu vernetzen. Hierfür muss unser Kopf zielgerichtet nach relevanten Puzzle-Teilen suchen. Ist die Aufgabenstellung zu allgemein und offen formuliert, fällt unserem Kopf das Suchen schwer.

„Einschränkungen schärfen und fokussieren Probleme. Sie setzen Hürden, die es zu nehmen gilt und sie liefern Inspirationen,“ schrieb Marissa Mayer, Entwicklungschefin von Google, in einem Fachartikel. Entsprechend geht das Unternehmen beim Entwickeln neuer strategisch wichtiger Ideen vor. Es macht seinen Mitarbeiter klare Vorgaben, auch um ihnen zu signalisieren: Hier ist kein Platz für Spinnereien.

Ähnlich agiert der Flugzeugbauer Boeing.

Ein Beispiel: Boeing gründete 2001 ein Team von Spezialisten, das neue Ideen entwickeln sollte, wie man Flugzeuge schneller und preiswerter produzieren kann. Das Team wurde legendär, denn es konnte die für den Bau einer Maschine benötigte Zeit um 50 Prozent reduzieren. Ein Erfolgsgeheimnis der Truppe war die Vorgabe: no budget. Das Wissen „Es gibt kein Budget“ zwang die Mitarbeiter, nach der einfachsten und preiswertesten Lösung zu su-chen.


Irrtum 5: Kreativität macht erfolgreich

„Wir brauchen mehr Kreativität.“ „Wir brauchen mehr Ideen.“ „Wir brauchen mehr Innovation.“ Diese Aussagen hört man oft in Unternehmen. Kreativität gilt sozusagen als ein Erfolgsgarant. Das stimmt nicht.

Dass jemand kreativ ist und neue Ideen entwickelt, hat für sich allein keinen Wert. Im Gegenteil! Ungelenkte Kreativität ist oft sogar schädlich. Kreativität ist nur dann eine wertvolle Ressource, wenn sie in die richtigen Bahnen gelenkt wird.

Thomas Edison hatte eine einfache Philosophie: „Was sich nicht verkauft, möchte ich nicht erfinden.“ Er überlegte zunächst: In welchen Feldern zahlt sich Kreativität überhaupt aus? Erst danach wurde er aktiv. Das heißt, er analysierte Probleme von Menschen, Schwächen von Produkten und wertete Trends aus. Kam er dann zur Erkenntnis „Hier lohnt sich ein Engagement“, begann er Ideen für Problemlösungen zu entwickeln.

Seien Sie skeptisch, wenn Sie wieder einmal einen Satz hören wie „Wir brauchen mehr Ideen“. Formulieren Sie ihn für sich wie folgt um: „Wir brauchen weniger Ideen, aber dafür bessere.“ Klasse statt Masse, ist gefragt.

Jens-Uwe Meyer

Zum Autor:

Jens-Uwe Meyer ist Inhaber des Beratungsunternehmens Die Ideeologen – Gesellschaft für neue Ideen mbH, Baden-Baden. Er ist Autor des Buchs „Das Edison-Prinzip – der genial einfache Weg zu erfolgreichen Ideen.” (Frankfurt, Campus-Verlag, 2008).

www.ideeologen.de


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